09.03.2026
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Vom Labor auf die Baustelle: Wie Co-reactive aus NRW die Bauindustrie dekarbonisiert

Die Dekarbonisierung der Bauindustrie ist eine der größten Herausforderungen der industriellen Transformation. Das 2024 gegründete Climate-Tech-Startup Co-reactive mit Sitz in Erkrath und Wurzeln an der RWTH Aachen hat dafür eine Lösung entwickelt: Durch einen chemischen Mineralisierungsprozess wird abgeschiedenes Kohlendioxid mit mineralischen Rohstoffen oder industriellen Nebenprodukten gebunden und in eine neue Generation sogenannter kohlenstoffarmer zementhaltiger Zusatzstoffe (SCM) umgewandelt. Das Ergebnis ist CO-SCM, das CO₂ dauerhaft speichert und gleichzeitig die Festigkeit und Haltbarkeit von Beton verbessert. Zudem lässt sich der Prozess ohne grundlegende Umrüstung in bestehende Produktionsprozesse der Zement- und Betonindustrie integrieren. So bedient das Unternehmen den wachsenden Bedarf an alternativen Bindemitteln und damit auch die steigenden Anforderungen an die Bauindustrie im Bereich Klimaschutz. 

Im Interview spricht CEO und Mitgründer Dr. Andreas Bremen über die Entstehung von Co-reactive und die Idee, eine Mineralisierungstechnologie für die Bauindustrie zu entwickeln. Er erläutert zentrale Meilensteine von der Laborforschung bis hin zur geplanten Dekarbonierungsanlage. Darüber hinaus ordnet er die Rolle NRWs als Industriestandort und Innovations-Hub für Klimatechnologien ein. 

© Co-reactive

Herr Dr. Bremen, Co-reactive ist als Spin-off aus Ihrer Forschung an der RWTH Aachen gestartet. Was hat Sie dazu bewogen, eine Mineralisierungstechnologie zu entwickeln und damit die Bauindustrie zu verändern?

Der Ausgangspunkt für die Gründung von Co-reactive liegt in meiner Promotionszeit an der RWTH Aachen. Seit 2017 habe ich dort in einem größeren Forschungskonsortium, unter anderem gemeinsam mit Heidelberg Materials, zum Thema CO₂-Mineralisierung gearbeitet. Besonders gereizt hat mich die Fragestellung, weil zwar überall von CO₂-Reduktion und Klimaneutralität gesprochen wurde, gleichzeitig aber Industrien wie die Zementindustrie weiterhin zu den größten Emittenten zählen und als besonders schwer zu dekarbonisieren gelten. Für mich stellte sich daher früh die Frage, wie diese Lücke geschlossen werden kann.

Die Ergebnisse meiner Forschung zeigten zunächst, dass die Technologie aus ökologischer Sicht sehr interessant ist, wirtschaftlich jedoch noch nicht tragfähig war. Das hat mich dazu bewogen, einen Schritt in die Industrie zu gehen und praktische Erfahrung in der Kupfermetallurgie bei Aurubis zu sammeln. Parallel dazu habe ich gemeinsam mit meinem Mitgründer Orlando Kleineberg neu gedacht und nach Wegen gesucht, wie sich die Technologie technisch weiterentwickeln und wirtschaftlich skalieren lässt. Er bringt umfangreiche Erfahrung im Anlagenbau mit und hat unter anderem großtechnische Abwärmekraftwerke in der Zementindustrie umgesetzt. Mit diesem Wissen konnten wir ein neues Reaktordesign sowie einen neu konzipierten Gesamtprozess entwickeln und dafür ein Patent anmelden. Am Ende stand die Frage: Wenn nicht wir, wer dann? Wir verfügten über das notwendige Fachwissen und die richtige Kombination aus Forschung und Industrieerfahrung. Mit der gesicherten EXIST-Forschungstransfer-Förderung haben wir schließlich den Entschluss gefasst, die Gründung zu wagen und die technische Machbarkeit im größeren Maßstab nachzuweisen.

Von der Laborforschung über die Gründung 2024 bis hin zur Demonstrationsanlage noch im Jahr 2026 – das ist ambitioniert. Welche Meilensteine waren für Ihren bisherigen Weg entscheidend?

Der Weg ist tatsächlich ambitioniert. Entscheidend war zunächst, unser neues Reaktordesign aus der Theorie in die Praxis zu überführen. Wir haben einen Prototyp konstruiert, aufgebaut und erfolgreich in Betrieb genommen. Damit konnten wir zeigen, dass unser Ansatz nicht nur auf dem Papier funktioniert, sondern technisch umsetzbar ist.

Ein weiterer zentraler Meilenstein war der Nachweis des CO₂-Aufnahmepotenzials. Wir konnten belegen, dass sich rund 500 Kilogramm CO₂ pro Tonne Rohmaterial dauerhaft binden lassen und damit eine langfristige CO₂-Senke entsteht. Ebenso wichtig war der Beweis der Materialeigenschaften: Unser Produkt dient nicht nur der Speicherung von Kohlendioxid, sondern kann je nach Anwendung bis zu etwa 50 Prozent des besonders emissionsintensiven Zements ersetzen.

Schließlich war die Sicherung der Finanzierung für den Bau der Demonstrationsanlage ein wesentlicher Schritt. Durch eine Kombination aus Eigenkapital und Fördermitteln konnten wir die Grundlage schaffen, um den nächsten Skalierungsschritt anzugehen.

NRW ist traditionell Industrieland und entwickelt sich zum Innovations-Hub für Klimatechnologien. Welche Rolle spielt das für Co-reactive und was macht NRW für industrielle Klimainnovationen und junge Unternehmen in diesem Bereich besonders attraktiv?

NRW bietet für uns ideale Voraussetzungen, weil hier nach wie vor eine starke Schwerindustrie ansässig ist. Dazu zählen die Stahlindustrie sowie rund ein Drittel der deutschlandweit etwa 30 klinkerproduzierenden Zementwerke. Genau an dieser Schnittstelle setzen wir an: Wir schaffen eine neue Verbindung zwischen Stahl- und Zementindustrie, indem wir bislang ungenutzte Materialströme – etwa Schlacken aus Elektrolichtbogen- und Sauerstoffkonvertern – für die Herstellung von Bindemitteln nutzbar machen. Dadurch tragen wir zur Dekarbonisierung der Bauindustrie bei und ermöglichen der Stahlindustrie zugleich eine hochwertige Weiterverwertung bisheriger Nebenprodukte.

Hinzu kommt, dass NRW ein bedeutender Standort des Anlagenbaus ist. Hier ist enormes technisches Wissen gebündelt und die Wege sind kurz. Es ist ohne Weiteres möglich, an einem Tag mehrere Partner und Anlagenbauer persönlich zu besuchen und Projekte direkt voranzubringen. Entscheidend ist zudem, dass die Industrie heute noch vor Ort ist und jetzt transformiert werden muss, damit sie auch künftig hier bestehen kann. Dieser laufende Wandel macht den Standort für ein junges Unternehmen wie unseres besonders spannend.

Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Industrie, Politik und Kapitalgebern sind aus Ihrer Sicht entscheidend, um die Dekarbonisierung der Bauindustrie wirksam voranzutreiben?

Für eine wirksame Dekarbonisierung der Bauindustrie ist aus meiner Sicht vor allem ein klarer und verlässlicher politischer Rahmen entscheidend. Instrumente wie das europäische Emissionshandelssystem dürfen nicht immer wieder infrage gestellt oder abgeschwächt werden, da solche Diskussionen Investitionen in Emissionsminderung und industrielle Transformation bremsen. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, um langfristige Entscheidungen treffen zu können.

Zugleich muss die Politik Voraussetzungen schaffen, damit Innovationen auch in stark regulierten Bereichen wie der Bauindustrie zur Anwendung kommen können. Gerade hier sind die Markteintrittsbarrieren hoch, weshalb neue Materialien und Verfahren klare und praktikable Zulassungswege benötigen. Nur wenn solche Leitplanken gesetzt sind, kann die Industrie planbar voranschreiten und ihre Prozesse konsequent dekarbonisieren.

Ebenso wichtig ist, dass die Politik der Industrie vor Augen führt, dass Innovationen vorhanden sind und dass die durch Förderprogramme angestoßenen Entwicklungen tatsächlich in die Umsetzung gelangen. Wir selbst profitieren stark von solchen Förderinstrumenten des Landes. Klare Regeln und Verlässlichkeit schaffen Vertrauen auf beiden Seiten. Wenn diese Rahmenbedingungen stimmen, wird auch Kapital bereitstehen, um industrielle Innovationen zur Dekarbonisierung in die Breite zu bringen. Hierbei müssen Kapitalgeber den Schritt zu Investitionen in Hardware wagen, denn die klassischen Investorenlieblinge wie SaaS schaffen keine Dekarbonisierung.

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